‚Heilige‘ oder ‚Hure‘?

Zur Weihnachtszeit begegnen sie uns überall: Bilder von der ‚Heiligen‘ Mutter… Eine gute Zeit, um über diese Bilder und ihren Gegenpol, die ‚Hure‘ ein wenig nachzudenken.
Denn diese Bilder wirken und sind Teil einer patriarchalen Kultur, die Frauen* auf vielfältige Weise in ihrem Selbstbestimmungsrecht einschränkt. Auch wenn Positionen oder Rollenangebote für Mädchen und Frauen vielfältiger geworden sind, die Bewertung ihres Handelns –nicht nur seitens von Männern, sondern auch von Frauen – orientiert sich immer noch an diesen zwei Polen. Beide Pole sind mit einschränkenden oder herabwürdigenden Zuschreibungen verbunden – auch Frauen, die keine Mütter sind und Frauen, die nicht als Sexarbeiterin arbeiten, sind davon betroffen.

,,Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“
Die ‚Heilige Mutter Maria‘, das können wir im Katechismus der römisch-katholischen Kirche¹ (in der Fassung von 1997) nachlesen, hat über ihre Mutterschaft in keinster Weise selbst bestimmt: Sie wird ohne heterosexuellen Geschlechtsverkehr „durch die Kraft des Heiligen Geistes“ schwanger.
Ihre Antwort darauf: der ,,Gehorsam des Glaubens“. Bis heute ist dieser Gehorsam ein zentrales Kernelement des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses: Sie „gab sich ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin, um mit der Gnade Gottes in Abhängigkeit vom Sohn und in Verbundenheit mit ihm dem Erlösungsgeheimnis zu dienen“. Auch in ihrem weiteren Leben hatte Maria – laut Katechismus- keinen (heterosexuellen) Sex. Sie blieb ,,allzeit Jungfrau“. Denn nur als Jungfrau kann sie voll und ganz dem Werk ihres Sohnes dienen.
Rund 1,3 Milliarden Katholik*innen wird dieses Ideal von Mutterschaft als heilig und ehrenwert eingetrichtert. Das religiöse Verbot von Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbrüchen ist eine logische Folge davon.
Wirkungsmächtig ist dieses Ideal der heiligen Mutterschaft, allerdings weit über den Kreis gläubiger Christ*innen hinaus: Immer noch wird mit dem § 218 das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihre Schwangerschaft eingeschränkt und immer noch steht mit dem § 219a selbst die Information über Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs unter Strafe. Und immer noch gilt als heiliges Ideal die Mutter, die eigene Wünsche zurück stellt, um sich ihren Kindern, ihren Werken, ihren Schul- und Kariereerfolgen zu widmen. Immer noch wird von Frauen erwartet, aus Liebe unbezahlt ihre soziale Reproduktionsarbeit zur Verfügung stellen.

Good girls go to heaven, bad girls go everywhere?
Das Rollenmodell heilige Mutter und Care-Arbeit aus Liebe lässt sich nicht mit Zwang durchsetzen, dafür braucht das Patriarchat das Gegenmodell die ‚Hure‘. Mit dem Stigma ‚Hure‘ werden nicht nur Sexarbeiter*innen ausgegrenzt und herabgewürdigt, sondern auch andere Frauen: „Sie werden mit diesem Stigma behaftet, weil sie gegen bestimmte ‚Zwangstugenden‘ verstoßen haben, oder weil ihnen das unterstellt wird.²“
Das Hurenstigma ist eng verknüpft mit der Drohung von sexualisierter Gewalt, mit der jede Frau* aufwächst: Mädchen* und Frauen* wird eingetrichtert, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, sich vor sexualisierter Gewalt zu schützen, indem sie sich nicht wie eine ‚Hure‘ verhalten.
Und immer noch wird Frauen, die sich gegen sexualisierte Gewalt wehren, zu verstehen gegeben, sie hätten, wenn sie kurze Röcke oder hautenge Blusen tragen, Festnudeln seien, oder sich wie auch immer hurenhaft verhalten, kein Recht, sich zu beschweren.
Selbst bei Vergewaltigungen, hängt die Frage, ob sie als solche gesehen werden, mit davon ab, ob das Opfer als respektabel angesehen wird: In wissenschaftliche Untersuchungen wurde festgestellt, dass Frauen, die sich gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen, seltener als „richtiges“ Opfer gesehen werden. Das betrifft nicht nur Sexarbeiterinnen, sondern auch andere ‚Huren‘: Frauen, die als sexuell aktiv angesehen werden, oder die aus anderen Gründen nicht der patriarchalen Norm entsprechen: Lesben, psychisch kranke Frauen, Frauen, mit niedrigem Einkommen, Tramperinnen, Frauen, die in Nachtclubs gehen , Alkohol trinken oder nicht-weiße Frauen³.
So wird die Stigmatisierung als ‚Hure‘ genutzt, um patriarchale Gewalt zu legitimieren.

Wir denken deshalb: Der Dualismus von Heilige und Hure ist ein Kernelement von geschlechtsspezifischer Sozialisation, mit dem alle Mädchen* und Frauen* in ihrem Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt werden.

Was denkt ihr?

Das wollten wir von euch erfahren und haben deshalb unsere kleine Weihnachtsumfrage gestartet. Sie wurde am 01.01.2018 abgeschlossen, einen ersten Überblick über die Ergebnisse findet ihr hier: Weihnachtsumfrage von Maria Magdalena4ever


  1. Wir beziehen uns hier auf die römisch-katholische Kirche, als eine der großen Amtskirchen in die Deutschland. Aber auch zahlreiche andere christliche Kirchen in Deutschland vertreten dieselben Auffassungen.
  2. Melissa Gira Grant: Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit, Hamburg, 2014 zitiert nach: https://seitengang.wordpress.com/tag/hurenstigma/
  3. Vgl: Stereotype Vorstellungen über Vergewaltigungen, (Vergewaltigungsmythenakzeptanz) als Prädiktoren der Beurteilung von Vergewaltigungsdelikten durch RechtsanwältInnen, Susen Werner, 2010

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